Be the change?

«Ihr sollt nicht Abfall auf den Boden werfen», hören Markus und Ilja ihren Vater sagen. Ilja kriegt ein schlechtes Gewissen und liest sein Kaugummipapier wieder auf. Markus hat umso mehr Spass und wirft die Saftpackung von der Rutschbahn auf den Boden.

Kinder reagieren auf Regeln und Befehle auf zwei Arten: sie folgen oder sie trotzen. Die beiden, auf den ersten Blick entgegengesetzten Reaktionen haben dieselben Folgen für das Bewusstsein des Kindes – ihnen wird in beiden Fällen eine Moral auferlegt, die eine innere Anspannung kreiert. Und beide assoziieren unbewusst diese Anspannung mit dem Thema Littering.

Ähnlich reagieren Erwachsene, wenn ihnen Verhaltensänderungen vorgeschlagen werden. Wenn Veganer für ihren Ernährungsstil werben, gibt es neben den Wenigen, die bei ihrer eigenen bewussten Entscheidung bleiben, zwei Arten von automatischer Reaktion: Entweder wir nehmen die neue Diät an, weil wir «gut sein» wollen, oder wir googeln «Warum vegane Ernährung ungesund ist». Befolgen oder Trotzen – diese Dualität ist unsere gewohnte Reaktion auf Moral.

Doch sind weder die Skeptiker noch die Befürworter wirklich in Frieden mit ihren Entscheidungen. Wir können tugendhaft sein und auf Flugreisen verzichten, Besitz reduzieren und auf wenigen Quadratmetern wohnen. Wenn wir dies jedoch nicht aus eigener Überzeugung, aus einem inneren Impuls heraus tun, dann bleibt unser Bewusstsein im selben Stadium stecken, wie das von den Skeptikern – auch wir haben nicht selbst entschieden.

Wenn Eltern ihre Kinder belehren, konsequent biologisch produzierte Nahrungsmittel zu konsumieren, wachsen sie mit einer inneren Anspannung im Bezug aufs Thema Bio auf. Wenn Eltern konsequent Bio vermeiden, sei es weil sie es für zu teuer halten oder für unsinnig, passiert mit den Kindern dasselbe. In beiden Fällen wird den Kindern keine geistige Flexibilität vorgelebt, sondern das sture Befolgen eines Prinzips. Wenn Eltern hingegen ihr ökologisches Verhalten ständig revidieren, haben Kinder eine Chance, mit der Überzeugung aufzuwachsen, dass Fehler machen OK ist. Und solche Kinder haben später viel weniger Probleme, ihr Verhalten zu ändern.

Und wie wirkt das bei erwachsenen Menschen? Genau gleich! Wenn ein Klimaskeptiker Fakten verneint, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sein Verhalten nicht mehr zeitgemäss ist, wirkt er stur und unflexibel. Doch wenn ein Öko-Aktivist Mahatma Gandhi zitiert («Be the change you want to see in the world.») und den Leuten erzählt sie sollen kein Fleisch essen, was strahlt er aus? Möglicherweise dieselbe Art von Unflexibilität.

Gandhi hat nicht gesagt «Be the result of the change you want to see in the world.» Er hat nie propagiert, wir sollen so tun, als wären wir schon dort, wo wir sein wollen. Wieso? Weil wir auf diese Weise eine auf Moral basierende künstliche Distanz schaffen zu denen, die sich fürs Trotzen statt fürs Befolgen entscheiden. Wir alle haben Lebensbereiche, wo wir trotzig sind: Ich setze mich beispielsweise nicht aktiv für Flüchtlinge ein, obwohl ich das Thema wichtig finde. Ich habe andere Prioritäten und weiss, dass nicht jede*r alles tun kann. Wenn ich in diesem Wissen meinen Mitmenschen erzähle, dass ich nicht fliege und dass sie auch nicht fliegen sollen, kann es passieren, dass sie das als moralistisch interpretieren und sich verurteilt fühlen. Zudem entsteht ein verzerrtes Bild von mir als Öko-Engel.

«As human beings, our greatness lies not so much in being able to remake the world … as in being able to remake ourselves», auch ein Zitat von Gandhi. Wir Menschen sind Veränderungswesen und wir fahren friedlicher, wenn wir uns von unseren Ideologien nicht zwingen lassen «um Ökos willen» unglücklich zu sein. Wenn wir stattdessen mehr Flexibilität üben, strahlen wir eine Leichtigkeit aus, die auch die Skeptiker mitnehmen kann – wir geben offen zu, dass wir Fehler machen und laden so andere ein, es auch offen zuzugeben. Wir sind die Veränderung, nicht ihr Resultat.