Die Bubble und das Open Space

Als ich jung war haben sie mir gesagt «Lügner sind
wie Lügner tun und wenn du lügst, kommst du in die Hölle.» und ich hatte heimlich das Gefühl, dass sie mich auch belogen. Demnach sind wir alles Heuchler, doch ist es besser oder schlechter wenn uns das bewusst ist?
  —Lauren O’Connell

Wer an die ETH studieren geht, dem wird von Nichtakademikern eine elitäre Nase vorgeworfen. Wer sich im Bereich Umweltbildung engagiert, dem wird die grüne Bubble zugeschrieben. Egal zu welcher Minderheit man gehört – es wird immer jemanden geben, der einen auf die Tatsache hinweisen wird, dass eine Minderheit eine Minderheit ist, und dass nicht alle Menschen so sind, wie die Bubblebewohner.

So habe ich mich während des Studiums mit Künstlern und Zivildienstlern umgeben und mein Interesse für Nachhaltigkeit regelmässig und so gut ich konnte mit der Realität von Klimaschutzgegnern verglichen, jedoch – wenn ich ehrlich bin – nicht aus reinem Interesse, sondern auch aus Angst vor der Bubble-Etikette und dem damit einhergehenden Vorwurf von Naivität.

Dabei fühlt sich niemand wirklich wohl, wenn er*sie immer nur unter Ungleichgesinnten ist. Unser wirkliches Potential entfalten wir erst, wenn wir uns im sozialen Umfeld sicher fühlen. Wir wissen, dass es die Depression des hässlichen Entleins nicht gegeben hätte, wäre es unter Schwänen augewachsen. Allein die 2500 Schweizer Selbsthilfegruppen erschaffen für ihre Mitglieder ein Gefühl der Zugehörigkeit, das Leben retten kann (siehe Bedeutung, Nutzen und Grenzen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe)

Auch Dan Büttner, der Menschen, die überdurchschnittlich alt werden, untersucht, ist Zugehörigkeit zu einer vertrauten Gruppe (neben regelmässiger Bewegung, einem Grund morgens aufzustehen und Rotwein) einer der vier Haupteinflüsse auf ein glückliches Altwerden.

Mit dem Wissen um den Wert der Bubble relativiert sich meine Meinung bezüglich ihrer Gefährlichkeit, insbesondere die – durchaus berechtigte – Eventualität innerhalb des vertrauten Umfelds von der Aussenwelt naive Vorstellungen zu entwickeln. Wer den Aussenblick benötigt, ist darauf angewiesen, seine Bubble zumindest zeitweise zu verlassen. Mindestens so wichtig für die menschliche Entwicklung ist jedoch der sichere Hafen, in dem sich menschliches Potential entfalten kann. «Sicher» bedeutet hier nicht, dass ich vom vertrauten Kreis nicht herausgefordert werde und mich in meinen Gewohnheiten bequem einrichte. Umgekehrt: Der vertraute Kreis erlaubt mir, an mir selbst zu wachsen und mich zu verändern, um aus dem Mensch, zu dem mich meine Sozialisierung gemacht hat mehr und mehr zu dem Mensch zu werden, der ich wirklich bin.

In der Suchtprävention ist mittlerweile bekannt, dass nachhaltige Heilung einer Sucht nur möglich ist in der Verbindung zu unterstützenden Menschen. Ungewünschte Gewohnheiten kann ich viel schneller loswerden, wenn ich einem anderen Menschen gegenüber einer Rechenschaft verpflichtet bin. Die menschliche Fähigkeit, aufeinander stolz zu sein, erlaubt uns Dinge zu tun, die wir aus eigenem Antrieb aufgrund von Bequemlichkeit nicht tun würden. Verallgemeinert ausgedrückt tun wir Menschen einander gut! Einzig Voraussetzung dafür: Die «Chemie muss stimmen».

Was bedeutet das genau? Wann stimmt die Chemie? Der Autor und Unternehmensberater Simon Sinek führt das zwischen Menschen entstehende Vertrauen auf Wertevorstellungen zurück. Woran glaube ich? Wovon gehe ich grundsätzlich aus? Diese Fragen beantworten Menschen unterschiedlich und je nach Antwort sendet jeder unterschiedliche Signale aus. Trage ich beispielsweise ökofaire Mode, glaube ich an den Einfluss des Konsumentinnen auf Grossunternehmen. Mache ich Acro-Yoga im Park, glaube ich daran, dass Menschen da sind, um das Leben zu geniessen und daran, dass Bewegung und Kontakt zu Menschen wichtig sind. Kurz: Mein Verhalten sagt dir, wer ich bin. Wird dir beim Beobachten meines Verhaltens wohl und du spürst, dass wir an dieselben Dinge glauben – entwickelst du Vertrauen zu mir. Merkst du, dass ich von ganz anderen Annahmen ausgehe, wird es mit dem Vertrauen sofort schwieriger. Die stärksten Gemeinschaften entstehen, wenn Menschen sich authentisch verhalten, d.h. mit ihrem Verhalten Signale aussenden, die ihren tatsächlichen Werten entsprechen. So ziehen wir einander an und können Verbindungen formen, in denen ein tiefes Vertrauen herrscht und die Mitglieder sich richtig fallen lassen können.

Zu den Formaten, die ein solches Vertrauen in sehr kurzer Zeit effektiv entstehen lassen können, zählen die sogenannten Open Space Camps (siehe unten). Wer etwa zum «New Earth Camp» kommt, glaubt offensichtlich an Selbstwirksamkeit, an die Notwendigkeit der Veränderung auf globaler Ebene und auch daran, dass wir Menschen tatsächlich wandelbar sind und unsere Grenzen weit ausdehnen können. Alter und Sozialschicht oder Herkunft sind kein Thema – das verbindende Element ist vielmehr die Offenheit und Toleranz anderen Menschen gegenüber. Alle begegnen einander auf Augenhöhe, mit Neugier und mit Wertschätzung. Im Garten vor dem Seminarhaus zwitschern die Amseln, jemand übt was auf der Gitarre, ein Paar läuft barfuss über die Wiese, eine kleine Gruppe tauscht sich an einem Picknick-Tisch darüber aus, welche Methoden sie zur Auflösung von Glaubenssätzen und zur Bewusstseinserweiterung nutzen. Weil ich selbst Veränderung will und davon ausgehen kann, dass es alle anderen, die ich im Rahmen des Camps antreffe auch wollen, kann ich meine Angst als Weltverbesserer wahrgenommen zu werden loslassen und meine Neugier auspacken. Welchen Weg gehen wohl die anderen? Was für Werkzeuge nutzen sie? Wo gibt es Möglichkeiten des Zusammenwirkens?

Und nach dem Camp? Ich bin nicht der einzige, der auf dem Rückweg im Zug die vielen Notizen in seinem Schreibheft nach Kategorien sortiert: Menschen, die ich kontaktieren möchte; Projektideen, die ich verfolgen will; Websites und Orte, die ich in nächster Zeit besuchen werde. Zwei Tage offener konstruktiver Begegnungen inspirieren die Menschen, das Leben in Gemeinschaft ausserhalb der Camps weiterzuführen und die Freude am authentischen Kontakt hinauszutragen.


Open Space Camps in der Schweiz

Das Format «Open Space» hat den Ursprung in der Erkenntniss, dass an Konferenzen die interessantesten Dinge in den Pausen und bei der Kaffeemaschine ausgetauscht werden und nicht bei den Referaten. Die Idee ist, die Offenheit und Augenhöhe vom Pausenplatz ins Plenum zu holen, indem das Gefälle zwischen Teilnehmenden und Referierenden aufgelöst wird. Das Tagesprogramm wird zu 100% von den Teilnehmenden selbst gestaltet: Morgens trifft man sich im Plenum, sammelt die Angebote, verteilt sie auf die verfügbaren Räume und Zeitfenster und los geht’s! Angebote, die zu wenig Resonanz haben, werden abgesagt. Das Resultat ist ein buntes Programm, bei dem gleichzeitig viel Vernetzungspotential und viel Freiraum gelebt wird. Man lernt die Leute kennen und kann sich im Fluss der Geschehnisse von der Intuition leiten lassen: Alle Angebote sind freiwillig, die Cafeteria ist immer offen und die schönen Lokalitäten laden zum entspannten Austausch geradezu ein.

Die Moderation hat neben dem anleiten der morgendlichen Session-Planung die Aufgabe, in den zwei bis dreimal pro Tag stattfindenden Plenumstreffen den Austausch zwischen den einzelnen Workshops zu ermöglichen (das sog. «Harvesting» oder «Ernten») und vor allen Dingen, das Vertrauen zwischen den Menschen zu fördern. Gruppenübungen wie Check-Ins, Mingling oder Soziogramme, gemeinsames Singen, Tanzen und Meditieren – werden immer wieder genutzt, um das Eis innert kürzester Zeit zu brechen und eine soziale Nähe zu kreieren, die mehr authentischen Austausch ermöglicht und somit mehr Gemeinschaftserfahrung.

Die Schweizer Open Space Camps, organisiert vom Moderatoren-Verband «Open Space Now», finden ca. viermal pro Jahr an verschiedenen Orten statt. Aktuelle Daten sind auf open-space-now.org zu finden.