Kampf dem Klimawandel – von COP21 bis Transition

Die Transition-Bewegung hat dem Klimawandel den Kampf erklärt. Zehn Jahre später verpflichtet sich die Eidgenossenschaft, zum Pariser Abkommen beizutragen. Ein Versuch, Bottom-Up und Top-Down in den Kontext des gesellschaftlichen Wanndels einzuordnen.

Erschienen im Studio!Sus Nr. 17

Wenn der UN Beauftragte für Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung David Nabarro über einen Film schreibt, er solle «Teil der Ausbildung aller politischen Verantwortlichen weltweit sein», dann muss elf Jahre nach Al Go- res erstem Film «Eine unbequeme Wahrheit» etwas passiert sein. «Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen» scheint der erste Dokumentarfilm über den Klimawandel zu sein, der uns optimistisch in die Zukunft blicken lässt. Al Gore selbst wird dieses Jahr die «Fortsetzung» seiner Dokumentation herausbrin- gen, darüber, «…wie nahe wir an einer echten Energierevolution sind». Seine Präsentation auf der Bühne der TED-Konferenz 2016 lässt ahnen, welchen Ton der zweite Film anschlagen wird. In dem Talk macht er das Gegenteil von dem, was von ihm erwartet wurde: Er beantwortet die Fragen «Can we change?» und «Will we change?» mit einem amerikanisch-lautstarken «Yes!» und belegt auf vielfältige Weise, dass nicht nur die CO2-Konzentration unerwartet schnell und exponentiell steigt, sondern auch das Wachstum der Solar- und Windenergie- Branche. Sein Positivismus geht soweit, dass er den Klimawandel in die Reihe gesellschaftlicher Weichenstellungen – wie die Bürgerrechtsbewegung oder das Frauenstimmrecht – einordnet und sich auf die Beobachtung beruft, dass mo- ralische Themen in der Geschichte der Menschheit vor ihrem Durchbruch immer zuerst ignoriert, belächelt und bekämpft worden sind.

Wenn Schullehrer*innen frustriert sind, weil sie nicht wissen, wie sie den Schüler*innen Klimawandel vermitteln können, ohne desillusionierte Gesichter zu produzieren, dann erfreut sich mein Herz über Al Gores ausufernde Motivation und über die stehenden Ovationen. Gleichzeitig kann ich seiner optimistischen Haltung, trotz sachlicher Korrektheit der von ihm genannten Zahlen, nicht ganz trauen. Klar, «38% aller neu gebauten Kraftwerke produzieren Windenergie, 33% Solarenergie» klingt nach viel. Diese Zahlen beziehen sich allerdings nur auf den Zuwachs, beim effektiven Anteil sieht es anders aus: In den USA liegt der Anteil der Stromproduktion durch Windkraft bei 4.7%, der von Sonnenenergie bei 0.6%. «Wir werden gewinnen!» – ich weiss nur nicht, ob auch rechtzeitig…

Das Pariser Abkommen

Internationale Beschlüsse

Im Dezember 2015 verpflichteten sich 195 Nationen in Paris, das Zwei-Grad-Ziel zu er- reichen. Das Abkommen verlangt von allen Parteien klar definierte «national festgelegte Beiträge» (engl. «nationally determined contributions», NDCs). Die Parteien sollen sich um deren Umsetzung bemühen und regelmässig über den Stand ihrer Emissionen sowie ihrer Erfüllung der Ziele berichten. 2018 werden die Parteien Bilanz ziehen und einander über den individuellen Fortschritt und über den Beitrag ihrer NDCs zum gemeinsamen Ziel informieren. Zudem bilanzieren die Unterzeichnenden alle fünf Jahre den kollektiven Fortschritt und tauschen sich über weitere individuelle Pläne der einzelnen Parteien aus.

NDC der Schweiz

Das neue CO2-Gesetz der Schweiz gibt eine Reduktion um 20% bis 2020 und weitere 10% bis 2030 vor. Zusätzlich sollen weitere 20% über Massnahmen im Ausland reduziert wer- den. Das Dokument muss in der Sommersession 2017 vom Parlament genehmigt werden.

Ähnlich die Schweiz: Dieses Jahr soll das Klimaabkommen von Paris im Parlament genehmigt werden. Die Schweiz soll ihre Emissionen bis 2030 um 50% reduzieren (Details siehe unten). Eine erfreuliche Nachricht! Aber wie das genau passieren soll, scheint bisher nirgends festgelegt zu sein. Im Schweizer NDC heisst es nur, es ginge um die Sektoren Energie, Industrie, Land- wirtschaft, Bodennutzung, Waldnutzung und Abfall. Die NZZ schreibt über das Emissionshandelssystem, das 56 Industrieunternehmen umfasst, die zusammen 10% des Schweizer CO2-Ausstosses verursachen: Bis 2030 soll dieses eine Ein- sparung von 2 Mio Tonnen CO2 bewirken. Das sind 7.5% dessen, was die Schweiz bis dahin erreichen will. Die Klima-Allianz, ein Zusammenschluss Schweizer Umweltorganisationen, schlägt in ihrem «Klima Masterplan Schweiz» einen ganzen Massnahmenkatalog vor: Verkehrsabgaben, Importvorschriften, Umstellung auf Elektromobilität, Heizleistungsreduktionen, Ersatz von Ölheizungen, Lenkungsabgaben auf landwirtschaftliche Emissionen, erneuerbare Elektrizität, Reduktion und Kompensation von Luftfahrtemissionen, Desinvestition aus Kohle, Öl und Gas und Beteiligung an Klimaschutzprojekten im Ausland. Die Wirksam- keit dieser Massnahmen lässt sich in einigen Bereichen auch schon konkret ab- schätzen. Wird unsere Regierung auf diesen Plan eingehen? Wird sie die nötigen Massnahmen rechtzeitig aufgleisen? Trauen wir Schweizerinnen und Schweizer unserer Regierung zu, dass sie den Klimawandel für uns abwenden wird?

Wie die Schweiz das 2-Grad-Ziel erreichen soll

Ablauf:
  1. CO2-Emissionen von 1990, Rechengrundlage für das Pariser Abkommen in der Schweiz
  2. Stand 2010
  3. Verbindliches Ziel: 50% Reduktion bis 2030
  4. Langfristiges Ziel, jedoch bis jetzt ohne rechtliche Grundlage
Herausforderungen:
  • Reduktionen 2030–2050 bisher ohne rechtliche Grundlage
  • Die 2°C werden aller Voraussicht nach bereits vor 2050 eintreffen.
    Somit wäre der Zeithorizont falsch gewählt.
  • Rechnung beinhaltet nicht die externalisierten Konsumemissionen! Somit führt dieser Plan bei einem Import-Land wie der Schweiz nur zur globalen Lösung, wenn sich Export-Länder wie z.B. China genauso verpflichten, ihre Inland-Emis- sionen zu reduzieren. Wenn nach dem Verursacherprinzip gerechnet wird, sind die Pro-Kopf-Emissionen in der Schweiz je nach Rechenmethode dreimal höher als die dem beim Pariser Abkommen vorgestellten Plan zugrundeliegenden Zahlen. Letzterer ist somit zu wenig effektiv.

Auch Klima-Aktivist*innen und Vorreiter*innen zivilgesellschaftlichen Wandels diskutieren heftig über die Wirksamkeit verschiedener Ansätze. Jede*r will seine*ihre Lebensenergie, die kurze Lebenszeit, sinnvoll investieren. Im Alltag fragt man sich: «Was hat die höhere Wirksamkeit?».

Soll ich heute Nachmittag bei der Klima-Demo mitgehen oder eher meine kaputten Kleider flicken? Oder Einmachen für den Winter? Oder an einer Frie- densmeditation teilnehmen? Oder doch für mein soziales Unternehmen arbeiten? Soll ich mein Geld zur Alternativen Bank bringen, oder ist das schlecht inves- tierte Zeit? Vielleicht besser einen Brief an den Bundesrat schreiben, mit ein paar Ideen zum Klimawandel? Aus dieser ewigen Diskussion gibt es, zumindest ansatzweise, einen Ausweg: den integralen Ansatz. Als Alternative zur Resigna- tion ist er sogar höchst effektiv.

Der integrale Ansatz

Die Grundidee: Der Wandel bekommt vier Angriffspunkte bzw. vier Pers- pektiven: die innere persönliche, die innere kollektive, die äussere persönliche und die äussere kollektive. Wir nennen sie zur Vereinfachung die Perspektive des Mönchs, des Hippies, des Hipsters und des Klima-Lobbyisten. Alle vier haben ihre besonderen Superkräfte, die zum Gesellschaftswandel beitragen: Der Mönch sucht die Lösung der Probleme bei sich selbst, indem er nach in- nen schaut und die Ursprünge seiner unverantwortlichen Handlungen heilt; die Hippies tun sich in Gemeinschaften zusammen, entwickeln verantwortlichere zwischenmenschliche Umgangsformen und praktizieren das Teilen; der Hipster weiss sich vegan zu ernähren und wo er die neuesten Ökoschuhe und Bambus- Rennrad-Accessoires kriegen kann; und der Klimalobbyist stellt sich gegen das konservative Establishment und geht die globalen Probleme von oben herab an. Alle vier Typen bringen auf ihre ganz unterschiedliche Art und Weise die Nachhaltigkeits-Bewegung voran. Die Grundaussage des integralen Ansatzes lautet: Es braucht sie alle, damit der Wandel gelingen kann.

Wenn die Schweizer Regierung das Pariser Abkommen ratifiziert, dann ist das der Klimalobbyist-Ansatz. Er ist wichtig, aber nicht alles. Genauso braucht es Menschen, die Möglichkeiten verantwortungsvollen Konsums kreieren, auf- zeigen und nutzen (Hipster-Ansatz). Genauso braucht es Menschen, die Gemein- schaften kreieren, um gemeinsam zu gärtnern, sich gemeinsam mit nachhaltig hergestellten Gütern zu versorgen, und als Genossenschaft saubere Energie zu produzieren (Hippie-Ansatz). Und es braucht Menschen, die ihre eigenen Denk- muster und Glaubenssätze in Frage stellen und so ihren Mitmenschen erlauben, dasselbe zu tun (Mönch-Ansatz).

Die 2006 in Grossbritannien gestartete und exponentiell wachsende Be- wegung der Transition Towns (TTs) setzt den integralen Ansatz in die Praxis um und scheint dabei auch viel Erfolg zu haben. Im Zentrum von TTs stehen lokal entstehende Gemeinschaften (Hippie-Ansatz), die durch Relokalisierung ihrer Wirtschaftskreisläufe ihre Schock-Resistenz stärken. Eine Gemeinschaft, die ihre Lebensmittel gemeinschaftlich anbaut, ihren eigenen Strom produziert und ihre eigene Lokalwährung hat, ist nicht so anfällig für Ölpreisschwankungen wie durchschnittliche Bürger. Um gleichzeitig dem Klimawandel entgegenzuwir- ken und Nachhaltigkeit zu fördern, werden bei TTs alle Lebensbereiche geprüft und nachhaltige Möglichkeiten dafür gesucht (Hipster-Ansatz): reduzierter und verantwortungsvoller Konsum, Rückkehr der Reparatur-Gesellschaft, Suffizienz und Kreislaufdenken sind selbstverständlich. Länger bestehende TTs entwickeln oft Beziehungen zu der lokalen Regierung und erarbeiten Pläne, um ihren Wir- kungskreis zu vergrössern (Klimalobbyist-Ansatz). So sind in TT Totnes mehr als drei Viertel der Stadtbevölkerung in regelmässigem Kontakt mit der TT- Wirtschaft und in TT Bristol lässt sich der Bürgermeister den Lohn vollständig in der Lokalwährung «Bristol Pounds» auszahlen. Gleichzeitig legen TTs auch immer mehr Wert auf einen «inneren Wandel» (Mönch-Ansatz). Menschen, die sich auf vielen Ebenen mit dem Wandel beschäftigen, lernen, sich selbst zu verwandeln, um alte, für die grosse Transformation nicht mehr dienliche Welt- anschauungen loslassen zu können.

Je mehr Menschen sich den integralen Ansatz aneignen, desto mehr Ener- gie fliesst ins Handeln anstatt ins Diskutieren. Und desto schneller kommen wir der Vision eines stabilisierten Klimas und einer friedlicheren Gesellschaft näher. Ob wir dabei viel über die wissenschaftlichen Aspekte des Klimawandels wissen, spielt keine Rolle. Der britische Unternehmer und Klimaaktivist David Sadding- ton erklärt in seinem Talk mit dem provokanten Titel «Warum mir Klimawandel egal ist»: Wenn wir uns mit den Auswirkungen des Klimawandels verbinden können, erzeugen wir eine Dringlichkeit, die uns Kraft gibt, etwas bewegen zu wollen. Es ist nicht die Wissenschaft des Klimawandels, die uns zum Handeln befähigt, sondern das Gefühl der Betroffenheit.

Ein kleines Experiment

Führen Sie sich die Folgen des Klimawandels in der Schweiz (siehe unten) in Ruhe zu Gemüte und stellen Sie sich die Frage «Finde ich das in Ordnung?» Und sollten Sie es nicht in Ordnung finden und in Aktion treten wollen, hat der Hirnforscher und Management-Trainer Dr. Bernd Hufnagl für Sie das wohl wichtigste Zwischenstück parat: Sie brauchen eine klare und möglichst erreichbare Vision, denn die Vision sorgt dafür, dass wir Tag für Tag Lust empfinden, uns anzustrengen für etwas, was uns wichtig ist. Wofür wollen Sie sich einsetzen? Für mehr autofreie Strassen in Ihrer Stadt? Für mehr Recycling? Für die Reparaturkultur? Oder für einen nachhaltigeren Ernährungsstil? Sie entscheiden.

Folgen des Klimawandels für die Schweiz – teils schon heute spürbar
  • Durchschnittliche Jahrestemperatur seit 1864 um 1.75 °C angestiegen
  • Immer schneller voranschreitendes Schmelzen der Gletscher seit 1980
  • 1999–2015 Rückgang der Gletscher um 12 Volumenprozent
  • Voraussichtlicher Gletscherschwund auf 10–30% des heutigen Volumens bis 2100
  • Negative Auswirkungen auf saisonale Verfügbarkeit von Trinkwasser und Wasser zur Bewässerung für die Landwirtschaft und zur Stromproduktion
  • Durch Gletscherschwund entstehen 500–600 neue Seen, in Kombination mit Steinschlag und Erosion von Schutt und Eismassen erhöhtes Flutwellenrisiko
  • Städte im Ausflussbereich der neuen Seen benötigen komplexe Schutzmass- nahmen, die frühzeitige Planung erfordern und hohe Kosten verursachen
  • Aletschgletscher, Teil des Unesco-Welterbes Jungfrau-Aletsch,
    wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bis 2100 ganz verschwunden sein
  • In der Nordwestschweiz und im Mittelland winterliche Überschwemmungen und sommerliche Trockenphasen
  • Baden sowie Schifffahrt im Rhein und in Flüssen des Mittellands wegen Wassermangel stark eingeschränkt
  • Tauen des permanent-gefrorenen Unterbodens verursacht mehr Steinschlag und Schuttgleiten, was Transportverbindungen und Infrastruktur in höher gelegenen Regionen gefährdet
  • Langsamer und stetiger Temperaturanstieg hat negativen Einfluss auf Lebens- zufriedenheit
  • Tageshöchsttemperaturen stetig gestiegen seit 1960
  • Höhere Sterberate aufgrund von Hitzesommern