Kultur, wandle Dich!

Die Transition-Bewegung zeigt uns Nachhaltigkeit über Verhaltensänderung hinaus: Das Streben nach intellektueller Autonomie eröffnet neue Dimensionen für den Erfolg der Nachhaltigkeitsbewegung. Das Potential liegt im ganzheitlichen Blick auf die zwischenmenschliche Kultur – die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Verhalten.

Artikel erschienen im Abenteuer Philosophie Nr. 152

Weltweite Bewegung

In etwa 50 Ländern weltweit gibt es über 500 Gruppen von Menschen, die ihr Gemüse selbst anbauen, ihren Strom selbst produzieren, ihre eigenen lokalen Währungen in Umlauf bringen und lokal selbstorganisiert und zugleich global vernetzt einen anderen Lebensstil entwickeln. Sie nennen sich Transition Towns (Wandel-Dörfer) und setzen sich ein für eine enkeltaugliche Wirtschaft, für intakte Natur und für eine sozialere Gesellschaft. Und sie haben viel Spass dabei!

Wandel aus Not

Spätestens anfangs 2000er war vielen Menschen klar, dass sich Probleme wie Peak Oil, Wirtschaftskrisen und Klimaveränderung nicht von selbst lösen. Das weltweite Vertrauen, dass Politiker*innen oder Globalunternehmen diese Probleme lösen würden, war versunken und ist seit dem nicht wieder aufgetaucht.

2006 entschied sich im Süden Englands eine Gruppe von Menschen, selbst Verantwortung für die globalen Probleme zu übernehmen und fing an Lösungen zu suchen, die lokal umgesetzt werden können. So entstand im Dorf Totnes die erste Transition Town, die in den darauf folgenden Jahren weiterentwickelt und weltweit vervielfältigt wurde.

Vielfältiger Aufgabenbereich

Die meisten Transition Towns setzen den Fokus auf Relokalisierung der Nahrungsmittelproduktion, der Energieproduktion und auf Verkleinerung der Wirtschaftskreisläufe durch Lokalwährungen, Reparaturkultur und Förderung von Lokalproduktion.

Einige Transition-Initiativen, besonders in grösseren Städten, haben einen anderen Ansatz: Sie nehmen sich vor, die Sichtbarkeit der vielen kleinen lokalen Projekte zu erhöhen, indem sie auf regionaler Ebene Hubs (zentrale Vernetzungs-Stellen) lancieren, die Vernetzungstreffen organisieren oder online die Projekte auflisten und Stadtpläne drucken, wo Quartiergärten und Repair-Cafés zu finden sind.

Top-down geht auch

Eine Transition Town tanzt aus der Reihe: Die Transition Town Ungersheim im Elsass entstand nicht am Küchentisch von Naturschützern, sondern «top-down», durch die Initiative des Bürgermeisters, Jean-Claude Mensch. Unter seiner Leitung wurde in den letzten Jahren einiges an Projekten umgesetzt: Gemeinschaftsküchen, grosse PV-Anlagen, eine eigene Währung, eine grosse Einmach-Anlage etc. Transition Ungersheim strebt Autonomie in drei Bereichen an: Nahrungsmittelversorgung, Energieversorgung und intellektuell-gesellschaftlicher Kontext.

Intellektuelle Autonomie

Laut Jean-Claude Mensch ist für eine Kulturwende der unsichtbare Wandel in den Köpfen der Menschen genauso zentral wie der sichtbare im Verhalten. Denn dort liegt die eigentliche Quelle dessen, was wir «Gesellschaft» nennen. Das Volk wird in seinem Dorf durch 50 Repräsentant*innen demokratisch vertreten und die Partizipation an allen 21 Projekten ist hoch. Doch das Potential liegt nicht in der Anzahl der Projekte: Ermächtigung der Einzelnen, partizipative Methoden und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit sind Komponenten einer neuen Kultur*, die auf Vertrauen und Solidarität basiert.

* Der Begriff Kultur (im Gegensatz zu Natur) meint im weitesten Sinne alles, was Menschen geschaffen und gestaltet haben. Hier, im Bezug aufs menschliche Zusammenleben, meint er die Umgangsformen und Gewohnheiten, die wir – bewusst oder unbewusst – kreieren, die unsere Koexistenz beeinflussen. Kultur beantwortet Fragen wie «Was ist für uns Menschen wichtig?», «Wie treffen wir Entscheidungen?» oder «Was gilt bei uns als normal?»

Kultur des Miteinander

Von Nelson Mandela wissen wir, wie sein Vater, Häuptling der Mvezo in Südafrika, die Sitzungen des Stammes einberufen hatte. Mandela fielen als Kind zwei Dinge auf: Erstens sass man immer im Kreis; und zweitens sprach sein Vater immer als letzter. Das Zuhören und Im-Kreis-Sitzen war zumindest in traditionellen Völkern teil einer weit verbreiteten Kultur des Zusammenlebens.

Von diesem Wissen lassen sich Transition Initiativen inspirieren: So bringt Transition Zürich, eines der Hubs auf Stadt-Ebene, mindestens einmal pro Jahr möglichst viele Vertreter*innen verschiedener lokaler Initiativen in einem grossen Kreis zusammen, um eine Kultur des Zuhörens und der Partizipation zu üben.

Partizipation unter dem Transition-Dach

Der Hub Transition Zürich stellt sich in den Dienst der Wandel-Gemeinschaft und lädt Vertreter*innen verschiedenster Organisationen – genannt WandelPioniere* – ein, einander kennenzulernen und ihre aktuellen Bedürfnisse im Bezug auf die Vernetzung zu teilen. Nachdem in der Stadt Zürich mehrere Versuche, ein regionales Netzwerk zu schaffen, gescheitert sind, wagten eine Handvoll Netzwerker*innen einen weiteren Versuch – mit Erfolg. Dank einem Unterschied: dem Fokus auf Mitsprache. Während der jährlichen Tagung spürt Transition Zürich heraus, wo die aktuellen Themen der Teilnehmenden liegen und welche Aufträge demnach priorisiert werden sollen. Nach dem ersten Treffen war beispielsweise das Aufschalten eines regionalen Verzeichnisses und eines zentralen Veranstaltungskalenders im Fokus; nach dem zweiten mehr Öffentlichkeits- und Medienarbeit.

Nebeneffekt Kulturwandel

Das mit Abstand häufigste Feedback solcher Tagungen ist die Freude an der Diversität der Teilnehmenden. Dass es solch eine Vielfalt an engagierten Menschen mit kreativen Projekten gibt, ist für alle stets überraschend und bereichernd. Plötzlich fühlen sie sich nicht mehr so einsam mit dem kleinen Projekt und gliedern sich mental in die Struktur einer grösseren, gar internationalen, Bewegung ein. Die Stimmen der Wandelschaffenden werden gehört und sie fühlen sich ernst genommen – anders als gewohnt, in der Politik oder in der Wirtschaft, wo Pioniere jeglicher Art üblicherweise belächelt werden.

Rückbesinnung auf den Faktor Mensch

Nur weil die Bedürfnisse der WandelPioniere* von einem Hub abgeholt werden, heisst es noch nicht, dass beispielsweise ein neu entwickelter Online-Kalender mit allen Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeit sofort von allen genutzt wird. In der Zeit von Amazon, Zalando, WhatsApp und Kreditkarten, wo sich persönliche Wünsche in kürzester Zeit erfüllen lassen, bauen wir unbewusst ähnliche Erwartungen an menschliches Verhalten auf: wie zum Beispiel, dass Menschen, die Solarenergie gut finden, sich sofort Photovoltaik aufs Dach installieren; dass Menschen, die über Sharing Economy Bücher schreiben selbst alles mit ihren Nachbaren teilen; oder dass man Plastiktüten, nachdem man den Film Plastic Ocean gesehen hat, sofort aus dem Alltag verbannt.

Die langsame Installation neuer Denkmuster

Jedem Verhaltenswandel geht immer ein Bewusstseinswandel voraus, so auch in der Nachhaltigkeit. Dieser braucht mehr Zeit, als uns lieb ist und lässt sich nicht kontrolliert beschleunigen. Dran bleiben und immer wieder versuchen, sich selbst und andere an die Vision der nachhaltigen Welt in unseren Herzen zu erinnern, ist der einzige Spielraum, den Wandelaktivist*innen haben.

Wenn wir uns an die Langsamkeit, die ein Prozess im Unterbewusstsein eines Menschen braucht, erinnern, folgt daraus die Anerkennung der Diversität: Wir sind alle auf dem selben Weg, jedoch an unterschiedlichen Stellen. Einige von uns haben es geschafft, den Verpackungswahn zu reduzieren, andere fahren nur noch Fahrrad und gehen mit dem Zug in Urlaub, andere haben Solarkollektorheizungen.

Walk the Talk – den Wandel gehen

Aus dieser Diversität wird die echte Meinungsfreiheit und Solidarität ersichtlich: Ich habe meine Erfahrungen gemacht, die mich an den Punkt gebracht haben, an dem ich in meinem Leben stehe – und du hast deine gemacht und stehst an einem anderen Punkt. Ich respektiere, dass du frei von Fast Food lebst, und akzeptiere, dass ich noch nicht soweit bin, das von mir behaupten zu können. So darf ich von dir denselben Respekt erwarten, dass ich konsequenter Fahrradfahrer bin und du dich noch nicht von deiner Gewohnheit, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, lösen konntest.

Du musst mein Verhalten an sich nicht gutheissen. Denn ich brauche den sozialen Druck, um aus meiner Komfortzone herauszukommen. Du brauchst nur mein eigenes Tempo zu respektieren und die Tatsache, dass ich ein Mensch bin: Der Bewusstseinswandel ist ein Weg, den man sich nicht im Kopf ausdenken kann – sondern den man gehen muss.

Beispiele sich wandelnder Denkmuster aus dem Kreise Transition Zürich

Beispiel 1: Solarstrom

Vertreter*innen der Solarfirma go solar, die sich für lokal und ökologisch produzierten Strom einsetzt, erzählen, dass vor zehn Jahren ihre Hauptaufgabe war, den Menschen zu erklären, dass Solarstrom eine gute Sache ist. Auf Messen, in Beratungen und in Publikationen musste die grosse Masse über die technologischen und gesellschaftlichen Vorteile unterrichtet werden. Heute ist es nicht mehr so. Die Leute wissen, dass Photovoltaik Sinn macht. Jedoch glauben sie, sie sei teuer. So muss man heute als Solaraktivist den Menschen vorrechnen, dass sich Photovoltaik lohnt. Die geduldigen Unternehmer von go solar sind zuversichtlich, dass ihre Aufgabe in zehn Jahren wieder eine andere sein wird, und dass die grosse Masse anders über Solarenergie denken – und handeln – wird.

gosolar.ch

Beispiel 2: Selbstorganisiertes Lernen

Wenn wir uns für eine berufliche Laufbahn entscheiden, gehen wir oft den Weg der Speisekarte, wir schauen uns das Angebot an, und wählen, was uns am meisten entspricht. Der Framing-Effekt spielt dabei eine grosse Rolle: In einem Café mit kleiner Auswahl gebe ich mich mit einem langweiligen Cappuccino zufrieden. Hätte es 50 verschiedene Kaffeekreationen, würde ich das nie tun. Der Plattform für selbstorganisiertes Lernen Openki liegt das umgekehrte Vorgehen zugrunde: Wenn ich etwas lernen will, überlege ich mir zuerst ganz genau, was es ist, und dann schaue ich, ob es bereits einen passenden Kurs dazu gibt. Falls nicht, erstelle ich diesen Kurs und initiiere genau die Ausbildung, die ich brauche.

openki.net

Beispiel 3: Die Maus und der Elefant

Der mit Abstand grösste Teil unseres Verhaltens passiert unbewusst. In Indien wird Ganesha, Gott der Hindernisse, als Kind mit einem Elefantenkopf dargestellt und an seiner Seite ist eine Maus. Ungefähr so können wir uns das Grössenverhältnis des Bewussten zum Unbewussten vorstellen: Das Bewusste ist die Maus neben dem Elefanten. Die Maus weiss genau, was sie will – jedoch werden ihr bei ihren Vorhaben immer wieder Steine in den Weg gelegt. Der Elefant, als Quelle dieser Hindernisse, ist ein Kind und weiss oft nicht, was er tut. Deswegen wirkt eine unbewusste, gewohnte, Handlung aus der Sicht unserer Bewusstseinsmaus unverantwortlich, wie z.B. ein billiges Zelt für ein Musikfestival zu kaufen und auf dem Festivalgelände zu hinterlassen. Die Absicht des Elefanten ist dabei keine böse – sie ist nur nicht ganz so sichtbar, wie die der Maus, sondern eben unbewusst. Das Anerkennen des Unbewussten ist eine der ersten Lektionen der Tiefenpsychologie und eine Voraussetzung der Tiefenökologie – des ökologisch sinnvollen Handelns, im Einklang mit dem Unbewussten. Mit dem Bewusstsein allein sind unsere Möglichkeiten viel beschränkter, als wenn wir unser Unterbewusstsein an Bord haben. Das Wissen um den eigenen Elefanten und die laufende Auseinandersetzung mit seinen Gewohnheiten sind somit eine nicht vernachlässigbare Rolle in der Transition-Bewegung.

tiefenökologie.de