Transition Zürich

In Zürich leben neben mir noch vierhunderttausend andere Menschen. Je nach dem in welchen Kreisen ich mich bewege, kriege ich mehr oder weniger mit vom stetig voranschreitenden Bewusstseinswandel in Richtung Verantwortung, Einfachheit, Genuss, Suffizienz und in Richtung «think global, act local». Dabei spielt die Ablenkung eine wichtige Rolle: Je mehr ich mich von dem, was mir wirklich wichtig ist, ablenke – zum Beispiel indem ich mehr konsumiere, mehr sozialisiere oder mehr arbeite als ich eigentlich nötig hätte – desto weniger hat der Wandel in meinem Leben Platz. Das neue Bewusstsein macht sich nur im Leben jener Menschen breit, die genügend Raum dafür schaffen und die sich weniger ablenken lassen, insbesondere von der Frage «Was will ich eigentlich?»

Wer sich diese Frage stellt, stellt sich nämlich automatisch auch viele andere Fragen wie «Brauche ich wirklich ein eigenes Auto?», «Wieso habe ich im Winter Lust auf Erdbeeren?», «Bin ich zufrieden mit dem, was mir die Stadt bietet?» oder «Wie kann ich glücklich sein und mein Glück mit meinen Mitmenschen teilen?» Der Wille, sich auf diese Fragen einzulassen erzeugt ein Domino, das nach und nach das Leben verändert und zum kollektiven Wandel beiträgt.

Woran das erkennbar ist? An den vielen kreativen und fortschrittlichen Projekten, die in Zürich entstehen (Gemeinschaftsgärten, Repair-Cafés, Nahrungsmittelkooperativen um nur ein paar Beispiele zu nennen) aber vor allem an den Menschen, die so ganz anders zu sein scheinen, als die Weltretter aus den letzten fünf Jahrzehnten. Sie tun nicht nur Gutes für die Gemeinschaft, die Zukunft und die Umwelt, sondern auch für sich selbst! Sie tun was sie tun in erster Linie weil es ihnen Freude bereitet. Und Freude steckt an.

Und weil Freude ansteckend ist, wächst damit auch der Wandel. Das einzige Problem ist: er wächst organisch – d.h. ungeordnet – sodass keine*r durchblickt, was es alles gibt, wer was macht und worauf genau hingearbeitet wird. Jede*r hat mit seinem eigenen Projekt genug zu tun und hat keine Kapazitäten, um sich zu vernetzen. Schade, denn Vernetzung lässt nicht nur Synergien entstehen; Sie hält auch die Motivation hoch, da man sich nicht mehr alleine fühlt; und sie bündelt auch Kräfte und macht die getane Arbeit sichtbar. Ähnlich wie ich als Mieter alleine nichts anrichten kann, mit dem Mieterverband im Rücken mich jedoch stark fühle und mehr wage als sonst.

Genau da greift der Verein Transition Zürich an: Wir schaffen Verbindungen zwischen den am Zürcher Wandel beteiligten Organisationen, damit alle bewusst und gestärkt an derselben Vision arbeiten können. So wird der Wandel immer mehr sichtbar und auch für den Normalverbraucher zugänglich. Wer weiss, vielleicht ist Zürich in 25 Jahren zur Hälfte autofrei, vollständig werbefrei und am Bahnhof liegt neben der 20 Minuten eine Zeitung, die über aktuelle Wandelprojekte berichtet?

Erschienen im «Tsüri Verändern», Kulturbande, 2016